Uhrenladen, Internet oder Homeshopping?

Die Szene könnte so ablaufen – die nerzbemäntelte Lady in Begleitung ihres gutbetuchten Begleiters durchschreitet die goldene Pforte eines Edeljuweliers und verströmt unverhohlenes Konsumbegehren. Kapriziös durchstreift das Paar die gläsernen Hallen und ergötzt sich am Klang erlauchter Markennamen und am Buhlen des sie umwerbenden Personals. Der Zuschauer erahnt schon die Filmsequenz, in der die goldene Kreditkarte aus dem Pelzrevers der Lady in die Hand des Kassierers am Mahagonitresen gleitet und der Chef des Hauses die brillantenschimmernde Nobeluhr über das Gelenk der Dame streift...

Doch die Szene endet unerwartet. Das weltgewandte Paar verläßt den Shoppingtempel ohne Kaufvertrag, begibt sich an den Heimcomputer und frönt seiner Konsumlust mit gleicher GoldCard zum halben Preis im Internet.

Solche Begebenheiten erlebte der Autor dieser Zeilen schon häufig und auch er verspürt ein gewisses Unbehagen beim Gedanken an die unbelohnten Mühen des bedauernswerten Uhrenhändlers. Jedoch ändert er jetzt den Lauf der Welt? Ändert er durch Mahnen an Fairneß und Standorttreue das Kaufverhalten des global agierenden Konsumenten? Wohl schwerlich.

Das so etwas immer öfter passiert und daß Umsatzzahlen von Internet- und TV-Shops konträr zum stationären Einzelhandel stetig steigen, muß nachhaltige Gründe haben. Vorbei sind wohl die Zeiten, in denen hier ein ungenügender Service und zweifelhafte Produkte dargeboten wurden. Um Kunden für sich zu gewinnen, muß der virtuelle Kaufmann von heute dem härtesten vorstellbaren Wettbewerb begegnen. Seine immer zahlreicheren Konkurrenten sind nur einen einzigen Mausklick entfernt; die des stationären Ladenbesitzers immer noch viele Kilometer. Kunden finden heute dank modernster Präsentationsmethoden in guten Online- und TV-Shops neben Preisvorteilen auch ein absolut vollwertiges Konsumerlebnis und vermissen so immer weniger die persönliche leibhaftige Beratung.

Der dauerhafte Erfolg des Fernabsatzes begründet sich durch schlichte ökonomische Fakten: Effizienz, Flexibilität und Kundennähe! In der Branche des Autors verbrennen alle Stufen eines klassischen Vertriebsweges bei "namhaften" Marken 1000%, eh der Kunde seine Uhr beim Juwelier erhält. Der Direktvermarkter kann unmittelbar aus der Produktion heraus an den Endverbraucher herantreten, ohne an die Konventionen und teuren Strukturen des etablierten Marktes gefesselt zu sein. Was die Vertreter der altehrwürdigen Zunft als unerfüllbar leugnen wird an enormen Kundenvorteilen unübersehbar deutlich. So erhält ein Online- oder Teleshopping Kunde neben dem Preisvorteil 2 oder sogar 4 Wochen freies Rückgaberecht für seine Uhr und kann sie somit ausgiebiger als im Laden des Juweliers testen. Und wer dies einmal ausprobiert hat wird verspüren, das sich die Kundenmöglichkeiten noch komfortabler darstellen, denn in der Regel wird eine Verschlechterung der Ware auch über die Testzeit hinaus noch nicht einmal geprüft. Man erhält einfach immer sein Geld zurück oder die Uhr getauscht. Bei großen Internet- und TV-Shops funktioniert eine ungeprüfte Rückgabe unter einem Reklamationsvorwand sogar 24 Monate lang, so daß dies ausnutzende Kunden sich gut alle 2 Jahre kostenlos eine neue Uhr beschaffen können. Wo gibt es soviel Kundenvorteil im Einzelhandel? Die Uhrenhersteller, die solch harte Rücknahmeverpflichtungen an die Online-/Teleshops eingehen müssen, können sich eine schlechte Qualität gar nicht leisten, da sie ansonsten an den hohen Kundenretouren scheitern.

Die eingangs geschilderte Leid des Juwelenhändlers ist hausgemacht. So erreichte beispielsweise vor kürzerer Zeit ein bisher unbekannter Uhrenhersteller den offiziellen und zertifizierten Tiefenweltrekord für Taucheruhren. Vergeblich wird man jedoch die günstige Herstellermarke in den Läden der wehklagenden Händlerzunft suchen, diese aber wohl im Onlinehandel finden! Auch der stationäre Händler hätte die Möglichkeit, alte Starrheit abzulegen und auch Produkte ohne millionenschwere Werbeetats und somit zu wesentlich günstigeren Kundenpreisen ins Angebot zu nehmen. Aber tief sitzt der Zweifel am Unbekannten, zu oft verhindert Ignoranz das Ergreifen neuer Marktchancen.

Als Fazit bleibt festzustellen: Oft ist die Qualität und Kompetenz der Beratung beim Juwelier gut, man bezahlt hier jedoch eine überteuerte Vertriebskette und den 200-400%igen Margenanspruch des Juweliers. Auch findet man hier meist nur "alte" Marken, da innovative Neuheiten nicht ins Sortiment gelangen und in Bezug auf diese läßt die Kompetenz vieler Juweliere stark zu wünschen übrig. Im Gegensatz hierzu ist der Online- und Teleshoppinghändler sicher fachlich nicht so aufwändig ausgebildet aber frei in der Auswahl maktgerechter Produkte und bei kalkulierten Minimalmargen von teilweise nur 25% auch notwendigerweise an hoher Qualität seiner Ware interessiert.

So soll es jedem freigestellt sein, hohe Preise für Juweliersware zu zahlen. Der Autor neigt jedenfalls dazu, nach guter Vorüberlegung und Vorauswahl 3 oder 4 Uhren online / onair zum gleichen Preis einer Juweliers-Uhr zu kaufen.

Erinnern wir uns an den Eingangsartikel zurück, so sind wir Dank dieser Lektüre mit gleichem Budget schon 5-Uhren-Träger anstatt "nur" 1-Uhren-Träger geworden.

Vorüberlegungen? Vorauswahl? Vielleicht sollten wir Uhren kaufen, die in Tests empfohlen worden? Lesen Sie besser erst einmal den nächsten Artikel!