Diese Uhr wurde doch soo empfohlen!?

Dann lieber Finger weg! Aber wieder der Reihe nach...

Ratgebersendungen, Foren, Testmagazine, Verbraucherschutzportale ... all das erfreut sich großer Beliebtheit auf der Suche nach dem richtigen Produkt im allgegenwärtigen Überangebot! Verbraucher fühlen sich mit der Kaufentscheidung überfordert und freuen sich, diese erleichtert zu bekommen. Man stellt sich das so vor, daß da ein paar Redakteure mit Uhren in der Hand in ihrem Testlabor sitzen und ausgiebig das Produkt prüfen und dann ein profundes Urteil darüber abgeben. Genau das suggerieren die o.g. Ratgeber auch und verkünden, den Verbraucher zu beschützen.

Sicher gibt es sowas auch, ich hoffe es jedenfalls....

Nun erzählen wir mal aus der Praxis.

Ein Uhrenhersteller steht auf einer Messe und präsentiert stolz sein in Jahren in fleißiger Arbeit erschaffenes Uhrensortiment. Statt der vielen erhofften interessierten Journalisten kommt ein Vertreter eines Uhrenforums an den Stand (und dann noch einer und noch einer und dann von einer Ratgebersendung und vom Testmagazin etc.). Alle bieten eine Mitgliedschaft oder Präsentationsplattform an, in welcher der Hersteller seine Produkte nun einstellen kann. Das hat er zwar alles schon einmal auf der eigenen Internetseite, aber doppelt (oder zehnfach) hält besser. Hier könne sich der Verbraucher jetzt unabhängig (!) informieren und vergleichen. Gute Idee eigentlich. Koste auch ein Bischen... so 800,- EUR im Monat nur. Dafür würde dann der Redakteur des Forums aber auch mal einen positiven "neutralen" Bericht im Portal veröffentlichen. Und übrigens, der neuste mediale Schrei, man kann auch einen 5 minütigen Filmbericht bekommen, jetzt gleich wenn Sie wollen, kostet nur 25.000,- EUR.

Nein danke sagt der Hersteller, die Messe hat schon insgesamt 20.000,- EUR gekostet, da sind jetzt weitere 115.000,- für 3 Fernsehspots und 4 Mitgliedschaften leider nicht drin. Aber die Produkte seien gut, eben sparsam für die Kunden kalkuliert, gern könne der Redakteur einmal so vorbeikommen, es wäre sicher interessant für die Leser, von einer Marke mit gutem Preis-Leistungsverhältnis zu erfahren.

Hiernach wird dieser Vertreter und sein Redakteur nicht mehr gesehen, erst wieder am 5 x so großen Nachbarstand (der alleine schon 80.000,- gekostet hat), wo dann mal weitere 100.000,- für 15 Filmminuten + Topbericht auf der Titelseite an das Verbraucherschutzportal fließen.

Das ist ja schon, sagen wir mal, "schade". Aber der Hersteller staunt nicht schlecht, als nach der Messe aus diesen Foren Gerüchte erscheinen, von "informierten Usern". Die Uhren dieses Herstellers sein alle nur "Chinaböller", schlecht, zu teuer, puhhh...bloß nicht kaufen! Lieber die Marke XY, ja die sei super, alles deutsche Wertarbeit usw. und überall im Einzelhandel vertreten.

Nanu denkt der Hersteller, genau diese gelobte Einzelhandelsmarke kauft Chinawerke beim gleichen Werkhersteller ein, wo auch ein anderer, im Testbericht verrissener Wettbewerber seine Werke einkauft. Er selber hat sogar keine einzige Uhr mit Chinawerk im Sortiment. Der einzige Unterschied ist, daß die Uhr des "guten" Herstellers 1.197,- EUR kostet, die des "schlechten" Herstellers nur 499,-.

Klasse, oder? Wollen wir mal für beispielsweise 5000 Uhren nachrechnen?

"Guter" Hersteller:

Uhrenherstellung 90,- EUR + Messe/Testberichtkosten bei 5.000 Stck. 36,- EUR x Margenschlüssel über 3 Vertriebsstufen Faktor 9,5 = Verkaufspreis 1.197,- EUR

"Schlechter" Hersteller:

Uhrenherstellung 90,- EUR + Messekosten bei 5.000 Stck. 4,- EUR x Margenschlüssel über 2 Vertriebsstufen Faktor 5,3 = Verkaufspreis 499,- EUR

Ja, wirklich schade, daß alle Journalisten und Redakteure vergessen haben, letzteren Hersteller zu empfehlen.

Aber, werden Sie sagen, die gelobte Marke sehe ich auch bei jedem Einzelhändler im Uhrengeschäft in meiner Nähe, das kann ja nicht schlecht sein, da würden sich ja alle Juweliere irren und selbst schaden!?

Eine wirklich sehr bekannte Marke mit I... macht das so: Alle Juweliere bekommen unverhofft Besuch von einem I-Vertreter. Der bringt ein schickes Uhrendisplay mit 40 Uhren mit und stellt es dem Juwelier kostenlos in den Laden. Ohne jede Investition für den Juwelier. "In paar Monaten komme ich vorbei, was Sie verkauft haben, rechnen wir dann ab." Ein gutes Geschäft, auch noch mit guter Marge, denkt sich der Juwelier und empfiehlt seinen Kunden diese Uhren wärmstens...

Insider, und nach einigen Monaten auch jeder betroffene Juwelier, wissen, diese Marke hat Reklamationsraten von 30 bis 60%! Die I-Vertreter tauschen die Uhren aber sofort gegen neue um und der Juwelier hat nicht so viel Arbeit damit. Der Kunde kommt so über die 2 Jahre Gewährleistungszeit und hält seine defekte Uhr für einen unglücklichen Einzelfall, denn in allen Testmagazinen schneidet die Marke ja super ab!!

Eine andere Marke mit H... scheiterte dann doch vor gut 1 Jahr mit gleichem Konzept an 100% Reklamationsrate. Diese Marke liegt jetzt bei einem neuen Eigentümer einige Zeit auf Eis, wird aber bald wieder neu auftauchen – Sie lesen bald in hervorragenden Verbrauchertestberichten davon!

Dem vorher beschriebenen kleineren Hersteller mit den knapp kalkulierten Uhren bleiben mangels Budget diese Wege leider verschlossen. So findet man die Marke auch wenig beim Juwelier, auch dieser weiss, daß Endverbraucher lieber Uhren kaufen, die in allen Testberichten vorn stehen.

Wir lernen daraus folgendes: Leider kann Ihnen niemand den eigenen Vergleich abnehmen! Kein Juwelier und ein Testforum schon gar nicht! Bitte prüfen und vergleichen Sie selbst nach eigenen Eindrücken und evtl. nach den Kriterien, die in diesem Ratgeber in vorherigen Artikeln schon besprochen wurden.

Und wenn Sie das nächste mal bei Kontakt mit einer unbekannten Marke ausrufen möchten: "Kenn ich nicht, hab ich noch nie gehört." dann denken Sie doch gleich weiter: "...ausgezeichnet, da stehen die Chancen gut, daß das Geld noch ins Produkt gesteckt wird!"

Wenn Sie nach dem Kauf doch nicht zufrieden sind, lesen Sie bitte weiter.